Berufliche Perspektiven junger Geflüchteter: Kommunale Herausforderung im Spannungsfeld von Qualität und "großer Zahl"

Auf einem JahresforumExtra der Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative am 10. und 11. März 2016 in Stuttgart berieten mehr als 100 Expertinnen und Experten über kommunale Handlungsstrategien. Schon zum zweiten Mal war Stuttgart Treffpunkt: Beim ersten JahresforumExtra zum selben Thema vor einem Jahr hatte man sich zu dieser Zwischensichtung verabredet. Danach hat es ein starkes Anwachsen des Zuzugs von Geflüchteten gegeben, was in den Kommunen zu neuen Herausforderungen führte.

Die Frage „Wie schaffen wir es, jungen Geflüchteten Teilhabe an Bildung, Ausbildung und Arbeit bei uns zu ermöglichen?“ stand im Mittelpunkt der zweitägigen Fachtagung. Isabel Fezer, Bürgermeisterin für Jugend, Soziales und Gesundheit der mitveranstaltenden Landeshauptstadt Stuttgart, stellte gleich zu Beginn fest: „Die Situation in den Kommunen hat sich in den letzten Monaten verschärft. Es gibt aber auch immer mehr erfolgreiche Lösungsansätze."

Auch Heiner Bernhard, Oberbürgermeister der Stadt Weinheim und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft, betonte: „Wir dürfen uns nicht von den Schwierigkeiten überwältigen zu lassen!“ – Dies ist zugleich die Überschrift einer „Positionierung“, die zu diesem Jahresforum vorgelegt wurde und auf die Bernhard sich in seinen Ausführungen bezog.

Gerade der Umstand, dass die große Mehrheit der Geflüchteten in einem Alter unter 27 Jahren sei, mache das Thema „Bildung und Ausbildung“ so akut und brisant. Weil die Öffnung von Bildung und von beruflichen Perspektiven für junge Geflüchtete viele Arbeitsfelder der Kommunalverwaltung und eine Vielzahl weiterer Akteure vor Ort betreffe, sei „Kommunale Koordinierung“ – das „Markenzeichen“ der Arbeitsgemeinschaft – von hoher Aktualität. Dass hierbei auch eine stärkere Einbindung von Partnern aus dem Bereich der Migrantenselbstorganisationen (MSO) und den Verbänden der Jugendsozialarbeit notwendig ist und, was sie beitragen können, zeigte dann auch eine Gesprächsrunde am 2. Tag.

Bernhard hob hervor: Integration erfolge vor allem vor Ort oder sie scheitere. Deswegen benötigen die Kommunen nicht irgendwie mehr Unterstützung. Auf ihre Erfahrungen und ihre Stimme müsse also z.B. bei der Entwicklung neuer Förderprogramme mehr Wert gelegt werden.

Gelingende Bildungsbiografien und Übergänge in Ausbildung und selbständige Lebensführung für alle Jugendlichen – dies sei im fundamentalen Interesse der Kommunen – und ein ausdrückliches Ziel jener bildungsaktiven Städte und Landkreise, die in der Arbeitsgemeinschaft mitwirken. Sie stehen also vor einer großen Herausforderung. Sie dürfen diejenigen, die hier geboren und aufgewachsen sind, nicht vernachlässigen und müssen doch für die große Zahl der Neuankömmlinge Perspektiven eröffnen helfen. Es geht also – das betonte Bernhard – um ein entschiedenes „Sowohl-als-auch“. Dies gelte insbesondere auch deshalb, weil die Erfahrungen des vergangenen Jahres zeigten, dass neben Jugendlichen mit guter Vorbildung und allen Voraussetzungen, ihren Weg zu machen, auch viele gekommen seien, die die Gruppe jener hier aufgewachsenen jungen Leute mit oder ohne Migrationshintergrund verstärken, die sich in erheblichen Risikolagen befinden.

Wer diese jungen Geflüchteten sind und in welcher psychischen, sozialen und aufenthaltsrechtlichen Situation sie sich befinden, war dann auch Thema eines detaillierten Faktenchecks. Eine der wichtigen Erkenntnisse: Es gibt immer mehr geflüchtete junge Leute, die aufgrund der neuen asylrechtlichen Bestimmungen aus Leistungen herausfallen, aber „vor Ort“ und damit letztlich im faktischen Verantwortungsbereich der Kommunen bleiben. Hier entsteht ein neues Problemfeld mit ungewissen Folgen. Dies unterstrich auch Prof. Haci-Halil Uslucan von der Universität Duisburg-Essen, der am Ende des 2. Tages als „kritischer Freund“ sprach: In keiner Zuwanderungsbewegung bisher habe es eine Mehrheit junger Leute gegeben; jede und jeder von ihnen habe auf die eine oder andere Weise unter der Flucht und ihren entwürdigenden Bedingungen gelitten.

In zwei parallelen Foren wurden als Beispiel für eine Großstadt analysiert, wie die Landeshauptstadt Stuttgart im vergangenen Jahr arbeitsteilig und koordiniert mit der Herausforderung „junge Geflüchtete“ umgegangen ist; als Beispiel für einen Kreis und dortige kreisangehörige Städte der Kreis Offenbach und die Stadt Rodgau. So wurde z.B. aus Rodgau berichtet, dass die dort unter Beteiligung der lokalen Akteure (Stichwort: Verantwortungsgemeinschaft) entwickelten Bildungspläne neu geschrieben werden müssten – und unsicher sei, ob die geplante Qualität und Breite gehalten werden könne.

In einer anschließenden Gesprächsrunde mit zuständigen Dezernentinnen und Dezernenten aus Dortmund, Stuttgart und Rodgau war man sich einig: Bildung und gelingende Übergänge in Ausbildung und selbständiges Leben seien die entscheidenden Weichenstellungen für Integration. Bildung habe aber angesichts der vielen akuten Versorgungsprobleme vor Ort noch nicht den notwendigen Stellenwert. Dies sei nun die wichtigste Aufgabe; oder, wie es Dr. Wilfried Kruse, Koordinator der Arbeitsgemeinschaft, hervorhob: „Wir müssen Bildung so positionieren, dass es zum entscheidenden Faktor für Integration wird.“

In verschiedenen Fachgruppen wurden praktische Arbeitsansätze erörtert. So ging es in einer der Gruppen – am Beispiel der Unternehmen Mercedes (Stuttgart) und Vivantes (Berlin) – darum, wie Betriebe sich pädagogisch unter Nutzung der Stärke, die in praktischem Tun liegt, auf die zunehmende Vielfalt in der Ausbildung einstellen können. Dies ist eine wichtige Aufgabe der Zukunft, die auch die Arbeitsgemeinschaft erneut auf die Agenda setzen wird.

Gegen Ende der Tagung trafen sich Integrationsbeauftragte aus verschiedenen Städten zu einer Runde. Sie sehen ihre Aufgabe darin, Einwanderung und Teilhabe als Querschnittsfrage in allen Feldern der Kommunalverwaltung zu verankern. Ihr Credo: Wir haben Jahrzehnte lange Erfahrungen und wir können Integration! steht nun auf dem Prüfstand. Dies fordere auch die Koordinierungsaufgabe neu heraus. Koordinierung als das Stiften von Zusammenarbeit hat sich in den Kommunen vervielfältigt. Kommunale Koordinierung sei deshalb zunehmend die Kunst, die Schnittflächen von Arbeitsteilung und Kooperation zwischen verschiedenen Zuständigkeiten in den Blick zu nehmen, damit sie gemeinsam bearbeitet werden können.

Die Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative wird sich auch auf dem nächsten regulären Jahresforum am 16./17. Juni 2016 in Mannheim und Weinheim damit beschäftigen, wie Kommunale Koordinierung auch angesichts der neuen Herausforderung der „Beruflichen Perspektive junger Geflüchteter“ noch wirksamer werden kann. 

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Die Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative ist ein bundesweiter Zusammenschluss von Städten und Kreisen, die durch Kommunale Koordinierung und Lokale Verantwortungsgemeinschaften mitgestaltende Verantwortung für gelingende Übergänge von der Schule in die Arbeitswelt übernehmen und ist seit 2013 ein eingetragener Verein.

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