BQN Dialog mit Michael Müller

Berlin fit für die Zukunft machen: Vielfalt in Ausbildung und Arbeit

Am 27. April 2016 fand der dritte BQN Dialog in der Albrecht-von-Graefe-Schule statt. Geladen war der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller. Vor mehr als 100 Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft, Schulen, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft sprach er über Berlin als „Stadt der Vielfalt“, „Stadt der Arbeit“ und ergänzte das Leitbild um „solidarische Stadt“, in der niemand verloren gehen dürfe. Jede und jeder werde gebraucht.

In einer „Stadt der Vielfalt“, komme es auf gelingende Übergänge von der Schule in die Arbeitswelt an, damit die Vielfalt in der Bevölkerung sich auch in der Arbeitswelt widerspiegle. Müller betont: “Unser Anspruch muss sein, dass niemand verloren geht, vor allen Dingen unter den Jüngeren. Berliner Jugendliche haben es mitunter schwer, gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund.” Politik und Öffentliche Verwaltung müssten mit gutem Beispiel vorangehen: „Aus diesem Grund war es uns so wichtig, die Kampagne Berlin braucht dich! ins Leben zu rufen, mit bemerkenswerten Erfolgen, die sich aber noch ausbauen lassen.“ Die Steigerung der neueingestellten Auszubildenden bei den Betrieben mit Landesbeteiligung und im Öffentlichen Dienst zeige, dass es gehe, aber dass man auch noch mehr „machen kann und mehr machen muss“.

Ausbildung als Verpflichtung

Zur „Stadt der guten Arbeit“ gehöre, dass Ausbildung insgesamt nicht nur ein Wunsch der Politik sei, sondern auch „eine Verpflichtung“. Gerade für Unternehmen, die darüber klagen, dass die Schulabgänger/innen nicht qualifiziert seien, sei es eine Pflicht, ihnen Perspektiven zu bieten und gegebenenfalls auch nach der Schule nachzuqualifizieren.

Gabriele Gün Tank, Vorständin von BQN Berlin e.V., betont: „Durch Ihre Präsenz senden Sie die wichtige Botschaft aus, dass der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt eines der Zukunftsthemen für diese Stadt ist.“ Dies müsse ein Schwerpunkt der Berliner Politik bleiben. BQN Berlin setze sich als „unbequemer Treiber“ und „unterstützender Berater“ für mehr Teilhabe Jugendlicher aus Familien mit Einwanderungsgeschichte am qualifizierten Arbeitsmarkt ein.

Abkopplung von Schulen verhindern

Welche Brisanz in dem Thema steckt, verdeutlicht BQN Geschäftsführer Klaus Kohlmeyer: „Der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei den unter 21-Jährigen liegt in der Hauptstadt bei 43 %, ihr Anteil unter allen Auszubildenden im Dualen System bei 15 %.“ An den Integrierten Sekundarschulen in den Innenstadtbezirken konzentriere sich „Armutsrisiko und Migrationshintergrund gepaart mit beruflicher Perspektivlosigkeit.“ Das Ringen um mehr Vielfalt in der Arbeitswelt sei ein Wettlauf zwischen Ausgrenzung und Teilhabepolitik. Dieser könne nur dann gewonnen werden, wenn jede/r eine Chance bekomme – unabhängig von Geschlecht, sozialer und ethnischer Herkunft.

Der Schulleiter der Albrecht-von-Graefe-Schule, Guido Schulz, beschreibt die gute Atmosphäre an der Schule, die unter anderem auch auf die Heterogenität der Schülerschaft zurückzuführen ist und hebt im Gespräch mit Dr. Anne von Oswald, Projektleiterin bei Berlin braucht dich!, hervor: „Im Schulprofil geht es darum, Schülerinnen und Schüler an neue Berufsfelder heranzuführen, Betriebsbegegnungen anzubieten und auch Angebote für ‚Spätzünder‘ bereitzustellen.“

Erhöhung der Übergangsquoten in Ausbildung

Im anschließend von Serdar Yazar moderierten Podiumsgespräch betont Andreas Germershausen, Beauftragter des Berliner Senats für Integration und Migration, dass der Übergang Schule-Beruf integrationspolitisch von entscheidender Bedeutung sei, und gerade an den Schulen der Innenstadtbezirke die Übergangsquoten in die Ausbildung massiv erhöht werden müssten: „Dort, wo schwierige Bedingungen vorherrschen, werde die beste Förderung benötigt."

Das „Gebot der Stunde“, so Alexander Schirp (Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg), sei es, das Landeskonzept für Berufs- und Studienorientierung (LaKo BSO) umzusetzen und weiter an der Qualität von Praktika zu arbeiten. Unternehmen seien gut beraten, auf Berufsorientierung zu setzen: „Wir haben die Vierstufigkeit gefordert und da haben wir Berlin braucht dich! als Blaupause gesehen.“

Ausbildung an die Jugendlichen anpassen ohne Qualitätsabsenkung

Einen Schritt weiter geht Charlotte Kruhøffer (Vivantes), die Schülerinnen und Schülern nach einem ‚Berlin braucht dich! Praktikum‘ einen direkten Weg in die Ausbildung anbietet: „Es wäre doch gelacht, wenn wir in einem Ausbildungsinstitut mit unseren pädagogischen Lehrkräften nicht in der Lage sind, Leute durch eine Ausbildung zu bringen, die das Lernen nicht so gut gelernt oder verinnerlicht haben oder schlechte Startbedingungen haben.“

„Dass sich nicht nur die Schüler/innen an die Ausbildung anpassen müssen, sondern auch die Ausbildung an die Schüler/innen“ greift Germershausen auf und unterstreicht, dass dies auch möglich sei ohne Absenkung der Ausbildungsqualität.

Orkan Özdemir (BQN Berlin) macht darauf aufmerksam, dass auch Frustrations- und Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen berücksichtigt werden müssten: „Die Jugendlichen trauen sich am Ende nicht, in diesen Prozess rein zu gehen, weil sie Angst haben zu versagen.“ Daher wäre es wichtig, dass sich Betriebe auf die vielfältige Schülerschaft einstellten, auch durch mehr Chancengleichheit in den Einstellungsverfahren.“

Schulen mit besonderem Bedarf an Berufsorientierung

Doro Zinke (DGB Berlin-Brandenburg) spricht sich für ein Ergänzungsprogramm zum LaKo BSO aus, das gezielt auf Schulen mit besonderem Bedarf an Berufsorientierung ausgerichtet ist. „Das Durchschnittsalter von Menschen, die eine Ausbildung beginnen, ist 21 Jahre. Daran sieht man, was schon alles vorher an Schleifen gelaufen ist. Deswegen denken und werben wir dafür, dass die Übergänge in Ausbildung an diesen Schulen besser werden.“

Die solidarische Stadt Berlin

‚Niemand darf verloren gehen‘ heiße, so Germershausen, „die Weichenstellung jetzt vorzunehmen, nicht erst später, wenn kein sozialer Aufstieg mehr möglich ist.“

Es gehe darum, so Müller, „die Kette zu durchbrechen, in der Armut, beschränkter Bildungszugang, fehlende Netzwerke in der Arbeitswelt und Migrationshintergrund ganz selbstverständlich zu schlechten Bildungsabschlüssen und Übergängen in die Arbeitswelt führen.“ Hier müssten Perspektiven geschaffen werden, „in einer solidarischen Stadt Berlin.“

Der BQN Dialog ist ein Forum für Vielfalt und Chancengleichheit in der Einwanderungsstadt Berlin am Übergang Schule-Arbeitswelt. Nächster Termin: Voraussichtlich im Herbst  2016.

 

Links:

Vortrag des BQN Geschäftsführers Klaus Kohlmeyer: Zugänge in die Ausbildung für Jugendliche aus Familien mit Einwanderungsgeschichte öffnen

DGB Programm für Schulen mit besonderem Bedarf an Berufsorientierung