Wir müssen offensiver mit der Einstellung von Musliminnen und Muslimen umgehen!

Teilhabe am Arbeitsmarkt: Für muslimische Jugendliche heute besonders schwierig?

Beim 4. BQN Dialog am 29. November 2016 diskutierten die Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Aydan Özoguz, und der Beauftragte des Berliner Senats für Integration und Migration, Andreas Germershausen, mit Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Gewerkschaften und NGOs über die Teilhabe muslimischer Jugendlicher am Arbeitsmarkt.

Dass der Zugang zu Ausbildung und Arbeit  für junge Menschen mit (zugeschriebener) muslimischer Zugehörigkeit besonders schwer ist, machte Klaus Kohlmeyer, Geschäftsführer von BQN Berlin, zu Beginn der Veranstaltung in einem Faktencheck deutlich: Neben einer über dem Durchschnitt liegenden Arbeitslosigkeit unter (jungen) Musliminnen und Muslimen zeigen aktuelle Studien, dass sich etwa türkisch- und arabischstämmige Jugendliche deutlich häufiger bewerben müssen, um zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden.

Um der Tendenz wachsender Vorurteile gegenüber Musliminnen und Muslime entgegen zu wirken, seien Vorhaben zur Verringerung von Diskriminierung am Übergang Schule-Beruf entscheidend. Özoguz begrüße politische Zielsetzungen wie in Berlin oder Hamburg zur Erhöhung der Vielfalt im Öffentlichen Dienst. Damit werde ein Bewusstsein geschaffen und eine Botschaft ausgesandt: Wir machen das und wir schaffen das! Ein weiteres Instrument für mehr berufliche Teilhabe seien anonymisierte Bewerbungsverfahren: „Arbeitgeber sind in der Regel nicht bösartig diskriminierend. Wir alle neigen eher zu den Menschen, die uns ähnlich sind. Anonyme Verfahren helfen dabei, das aufzubrechen.“

Bewerbungsverfahren sind eine Hürde, an der trotz gleicher Qualifizierung muslimisch markierte Jugendliche überproportional häufig scheitern, so lautete auch die Einschätzung des Berliner Integrationsbeauftragten Andreas Germershausen.
Einen neuen Lösungsansatz dafür biete der ins Leben gerufene Berlin braucht dich! Pilot, der Zugänge zur Ausbildung schaffe. Die daran teilnehmenden Betriebe mit Landesbeteiligung seien bereit, auf die üblichen Einstellungsverfahren für Ausbildungsplätze zu verzichten, sofern Schülerinnen und Schüler ihre Kompetenzen und das Interesse an einer Ausbildung in Praktika vorab unter Beweis gestellt haben. Den Betrieben könne er nur raten, offensiver mit der Einstellung von Musliminnen und Muslimen umzugehen:

„Das sendet ein starkes Signal gegen alles, was sich heute im Rahmen von Pegida und AfD organisiert.“

Vielfalt am Arbeitsmarkt – auch in der Führungsetage

Die Debatte über geeignete Strategien für mehr Teilhabe am Arbeits- und Ausbildungsmarkt wurde fortgesetzt von Kerstin Oster, Vorständin der Berliner Wasserbetriebe, Susanne Stumpenhusen, ver.di Bezirksleiterin für Berlin Brandenburg, und Daniel Gyamerah, Projektleiter „Vielfalt entscheidet – Diversity in Leadership“. Alle stimmten darin überein, dass Teilhabe und Diversität sowohl in Betrieben als auch in der öffentlichen Verwaltung weiter voranschreiten muss. Dies werde  auch von den Gewerkschaften aktiv unterstützt. „Integration schützt nicht vor Diskriminierung. Wir als Gewerkschaft sind achtsam und aktiv“, so Stumpenhusen.

Ein weiterer Konsens bestand auf dem von Serdar Yazar, BQN Berlin,  moderierten Podium darin, dass vielfältige Strukturen in den Belegschaften und auf der Führungsebene zu etablieren sind – auch als Reaktion auf die sich wandelnde Einwanderungsgesellschaft. Auf Bundes- und Landesebene gäbe es, so Gyamerah, einen Bedarf, neue Rechtsgrundlagen zu schaffen, auf deren Basis Menschen (aus Familien) mit Einwanderungsgeschichte oder Rassismuserfahrungen insbesondere in Führungspositionen besser widergespiegelt werden könnten. Erhebungen von Daten seien dabei der Anfang, um den Ausgangspunkt zu bestimmen und von dort Entwicklungen anzustoßen. Neben der Erfassung der Einwanderungsbiografie sollten die Erhebungen  den Aspekt der strukturellen Diskriminierung z.B. aufgrund des Namens, der Hautfarbe oder Religion beinhalten. 

Auf die Frage, wie bei den Berliner Wasserbetrieben die Akzeptanz der Belegschaft für mehr Vielfalt im Personal gesichert werden kann, sagte Oster:  „Es muss vorgelebt werden. Wir haben Diversity Management etabliert, da kommt bei uns niemand dran vorbei. Sie ergänzte: „Das Wasser muss vernünftig laufen, da machen wir keine Unterschiede.“

Eindrucksvoll war der Beitrag von Leila El-Amaire, die mit ihrem Verein „i,Slam“ mit Gedichten und Poetry-Slams ein Zeichen gegen Rassismus, Diskriminierung und für mehr gegenseitiges Verständnis setzt:

"Und letztlich, ist die Realität nicht, dass die Welt einfach unfair ist und je eher man das begreift, umso besser. Realität ist, dass wir uns auf den unfairen Strukturen ausruhen und anstatt, diesen Zustand zu ändern, deklarieren wir ihn als 'normal'. Dabei ist Veränderung doch das einzig Beständige und Zustand auch nur ein Synonym für Stillstand."

Der BQN Dialog ist ein Forum für Vielfalt und Chancengleichheit in der Einwanderungsstadt Berlin am Übergang Schule-Arbeitswelt und besteht seit 2014.