Vielfalt vereint - Neuntes Konsortialtreffen

Unter dem Motto „Vielfalt vereint“ hat am Freitag, den 15. Juni das neunte Treffen des Berlin braucht dich! Konsortiums stattgefunden. Über 100 Partner*innen aus Schulen, Betrieben, Behörden und Fachpolitik kamen zusammen, um die nächsten Schritte für eine nachhaltige interkulturelle Öffnung der Ausbildung zu erarbeiten. Das zentrale Thema dabei waren die geplanten Konsortialvereinbarungen, durch die mehr Verbindlichkeit in der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Betrieben geschaffen werden soll.  In diesen Vereinbarungen werden u. a. die Erkenntnisse aus dem Pilotvorhaben „Erprobung neuer Zugänge in die Ausbildung“ genutzt, um die Erwartungen und Pflichten der Partner*innen zu konkretisieren.

--> Download: Dokumentation zur Konsortialtagung

Der damit eingeschlagene Weg sei der richtige, resümierte Elke Breitenbach, Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales am Ende der Veranstaltung und betonte, dass der Pilot Modellcharakter für das ganze Land Berlin habe. Zur Sicherung der erfolgreichen Umsetzung des Vorhabens schlug sie die Gründung eines Beirats aus den beteiligten Schul- und Betriebsvertretern*innen sowie Wissenschaftler*innen vor. Der Beirat solle den Prozess begleiten und positive Aspekte sowie noch zu lösende Herausforderungen evaluieren. Frau Breitenbach kündigte darüber hinaus an, dass die Konsortialvereinbarungen im Herbst 2018 im Rahmen eines Festakts unterzeichnet werden.  Durch eine Präsenz in der Öffentlichkeit könnten sie dann Signalwirkung im ganzen Land entfalten und die Integrationskraft der Ausbildung auch außerhalb des Konsortiums stärken.

Teil der Konsortialvereinbarungen ist die Etablierung der Berufsorientierung als festen Bestandteil des Curriculums an den Partnerschulen, die im Durchschnitt einen Anteil von Jugendlichen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte von über 70 % aufweisen. An den Berlin braucht dich! Schulen soll damit die duale Ausbildung für die Schülerschaft immer mehr zu einer realen und attraktiven Option werden. Bei den Betrieben rücken, neben den hochwertigen Angeboten im Rahmen der Qualifizierten Vierstufigkeit, insbesondere Veränderungen der Einstellungsverfahren in den Fokus. Im Rahmen des Piloten „Erprobung neuer Zugänge in die Ausbildung“ werden die Praktika als wesentliches Entscheidungskriterium für den Eintritt in Ausbildung herangezogen. Die klassischen Einstellungstests treten in den Hintergrund. So sollen Zielgruppen für die Ausbildung gewonnen werden, die die praktischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ausbildung mitbringen, die aber noch zu häufig an impliziten Barrieren in den Einstellungsverfahren scheitern.

Auf kritisch künstlerische Art und Weise inszenierte eine Berliner Jugendtheater-Gruppe basierende auf den eigenen Biographien, mit welchen Stereotypen, persönlichen Lebensumständen und strukturellen Benachteiligungen sich die Zielgruppe von Berlin braucht dich! häufig konfrontiert sieht. Ein Podium, bestehend aus Vertreter*innen der Berliner Politik, Geschäftsführer*innen der Partnerbetriebe sowie Schulleitungen diskutierte, welche Potenziale und Herausforderungen das Pilot-Vorhaben mit sich bringt. Der Ansatz sei für alle neu, erfordere Aufwand und Ressourcen, doch er sei gleichzeitig eine Bereicherung und eine wichtige Investition in die Zukunft der Unternehmen und natürlich auch der Jugendlichen. Wichtig sei, dass alle beteiligten Parteien stärker zusammenarbeiteten und transparent machten, welchen Beitrag sie dabei verbindlich leisten.

In einzelnen Arbeitsgruppen als Teil eines World Cafés wurden Chancen und Risiken der einzelnen Etappen des Ankommens in dualer Ausbildung diskutiert. Dabei ging es um zentrale Fragestellungen, die das Konsortium derzeit beschäftigen. So wurde die Frage erörtert, wie man die Schüler*innen davon überzeugen kann, die Ausbildung direkt nach der 10. Klasse als eine reale Option für sich selbst zu ergreifen und wie Betriebe mit der Herausforderung umgehen, auch direkte Schulabgänger*innen stärker anzusprechen. Auch wurde die Frage bearbeitet, welche Rolle hierfür eine gute Berufsorientierung spielt? Einstellungsverfahren wurden ebenfalls zum Thema des World Cafés, hier stoßen die Schüler*innen häufig auf implizite Barrieren. Die Reflektion der Einstellungsvoraussetzungen und –verfahren drehte sich um die Fragen, welche Kompetenzen  im Zentrum stehen sollten und welche Voraussetzungen für eine vielfalts-orientierte Veränderung der Einstellungsverfahren gegeben sein müssen? Schließlich blieb noch die letzte Etappe, die Ausbildung selbst. Dabei wurde die Frage bearbeitet, wie sich eine auf Vielfalt ausgerichtete pädagogische Praxis im Betrieb fördern lässt und was dafür benötigt wird? Dem Thema Digitalisierung widmete sich eine eigene Arbeitsgruppe. Was ist, wenn Teilen der Gesellschaft der Zugang zur digitalen Welt durch fehlende Infrastruktur und mangelnde Kompetenzen verwehrt bleibt? Wandelt sich die vermeintliche Chance in einen Nachteil? Die vertieften Inhalte der Diskussionen und die Erkenntnisse, die sich daraus für das Konsortium gewinnen ließen, werden in Kürze in der Tagungsdokumentation veröffentlicht.

Der Berliner Integrationsbeauftragte Andreas Germershausen betonte abschließend mit Rückblick auf die vergangenen 10 Jahre der Zusammenarbeit, dass Berlin braucht dich! eine Erfolgsgeschichte sei. Trotz der innovativen Ansätze im Konsortium erweise sich aber leider die Benachteiligung von Jugendlichen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte noch immer als sehr hartnäckig. Deshalb seien Vereinbarungen zwischen Schulen, Betrieben und Politik der richtige Weg, um die nächsten Hürden gemeinsam zu nehmen und in Berlin Vielfalt in der Ausbildung zum Normalfall zu machen. Dem Konsortium gab er mit auf den Weg, dass neben den Einstellungsverfahren auch die Ausbildung selbst in den Fokus rücken müsse. Hier brauche es Anpassungen, damit Jugendliche mit schlechteren Startbedingungen nicht scheiterten. Häufig gehe es in der Ausbildung nicht nur um Leistung, sondern auch um Habitus. Letzter dürfe nicht über den Erfolg in der Ausbildung entscheiden.

Fotos: BQN Berlin / Judith Affolter